Karl Heinz: Koblenz – weltoffenes Drehkreuz in Europa

Jeden Dienstag, von Mai bis Oktober sippen die Schlaraffen in ihrem „Uhuversum“, der Pallotinerkapelle im Stadtteil Ehrenbreitstein. Jede Woche einmal rezitieren, musizieren, dichten und komponieren sie mal heiter und mal ernst, voller Witz und Ironie, aber stets wertschätzend füreinander. Sie schlüpfen in alltagsferne Rollen und tragen Rüstungen aus Stoff. Das alles geschieht unter den Augen ‚Eurer Herrlichkeit‘. So erzählt es mir Karl Heinz Kienle, während ich ihm zunächst leicht irritiert, aber herrlich fasziniert durch ehemalige Klostermauern folge. Ein für mich überraschendes Eintauchen in eine wundersame Welt, von deren Existenz ich vor wenigen Minuten noch so gar nichts ahnte.
Meine Verabredung mit Karl Heinz ist nun schon eine Weile her. Aber immer wenn ich an dem Gebäudeensemble an der vielbefahrenen Charlottenstraße im Stadtteil Ehrenbreitstein vorbei radle, denke ich schmunzelnd an diesen unterhaltsamen Nachmittag zurück.
Karl Heinz hat mir seinen Lieblingsplatz gezeigt. Er hat mir an jenem Nachmittag im Oktober viel über Schlaraffia erzählt und mit mir einen Blick auf sein Koblenz geworfen.

„Schlaraffia“, so Karl Heinz, „ist eine aus Künstlern bestehende weltweite Gemeinschaft, die 1859 in Prag gegründet wurde. Damals ging es den Schlaraffen darum, den Adel, die Ordenssucht und das Beamtentum zu karikieren, wie man so schön sagt. Heute“, er lächelt schelmisch, „genießen wir Schlaraffen es, die alltäglichen (Un)Wichtigkeiten zu überzeichnen, uns selbst ein wenig auf den Arm zu nehmen, aber immer mit Respekt. Über sich selbst lachen zu können, kann auch befreiend sein. Beschreib es mit Rollenspiel für Männer, oder besser noch mit Künstlertreffen, Debattierclub, Literaturkreis, gar Gesangsverein, von Allem ein bisschen, aber doch nicht dasselbe.“
Spannend, ein wenig unwirklich denke ich immer wieder, während ich den begeisternden Ausführungen meines heutigen Gesprächspartners aufmerksam lausche.

Lieblingsplatz: Pallotinerkapelle im Stadtteil Ehrenbreitstein, Oktober 2020

Warum trefft ihr Euch ausgerechnet in der Pallotinerkappelle in Ehrenbreitstein, frage ich neugierig?
„Man musste damals etwas tun! Die Pallotinerkapelle wurde 1978 von der Stadt erworben, nachdem sie der dort ansässige Orden aufgegeben hatte. Die Kapelle verfiel. Es gab kein Konzept für eine Nutzung. Schlaraffia Confluentia und der von Schlaraffen gegründete ‚Förderverein zugunsten des Baudenkmals ehemalige Pallotinekappelle Koblenz- Ehrenbreitstein‘ hat sich für den Erhalt der Kapelle und für deren Nutzung als kulturellen Ort eingesetzt. Seit 1991 ist Schlaraffia Mieter und Sachverwalter. Wir fühlen uns hier wohl“, bringt es Karl Heinz auf den Punkt. Dann lädt er mich ein, mich zu ihm an die lange Holztafel zu setzen. Kurze Zeit später plaudern wir Erdnüsse knabbernd über Koblenz.

Karl Heinz lebt seit 1977 in dieser Stadt. Der Rheingauer hat den Weg über Kiel und Würzburg nach Koblenz genommen. Er hatte hier eine Assistenzarztstelle bekommen und erzählt: „Ich war ziemlich irritiert als ich hier in der, ich sag mal vorsichtig ‚Beamtenstadt‘ ankam. Es war doch alles recht eingefahren und gleichförmig. Aber irgendwie habe ich wohl geahnt, dass ich hier etwas bewegen kann und bin gelieben.“
Und tatsächlich, Karl Heinz Kienle ist in der Stadt an Rhein und Mosel kein Unbekannter. Als Leitender Notarzt hat er unzählige Einsätze sowohl in Koblenz, der Region und im Ausland hinter sich. Er war über 50 Jahre aktiv beim Deutschen Roten Kreuz, davon sieben Jahren Kreisvorsitzender. Er koordinierte Krankenhaus- und Stadtteilevakuierungen, plante und baute ein Gesundheitszentrum im Stadtteil Ehrenbreitstein, leitet die ärztlichen Bereitschaftspraxis. Er hat in Ehrenbreitstein seit vielen Jahrzehnten seine Arztpraxis, heute als Internist immer noch in einer Gemeinschaftspraxis im Gesundheitszentrum.
„Ruhestand“, so Karl Heinz, „ da würde ich glatt eingehen!“

Dr. med. Karl Heinz Kienle in „seinem Schlaraffenreich“, Oktober 2020

Gern würde ich Karl Heinz eine Frage dazu stellen, aber er erzählt schon über sein neues Projekt – Agenda Ehrenbreitstein: „Der Stadtteil profitiert ganz enorm vom Hochwasserschutz, heißt konkret von der Trockenlegung durch den Bau der Hochwassertore. Das hat aber auch eine Kehrseite. Durch die Sanierung der Häuser steigen die Mieten, weniger bezahlbarer Wohnraum. Mit dem Wechsel der Bewohner verändert sich der Stadtteil zwangsläufig. Multikulturelles Miteinander, Kultur ohne Grenzen, dafür steht Ehrenbreitstein. Und das möchten wir nicht nur erhalten, sondern fördern. Keine absurden Ideen oder Pläne, sondern für und vor allem gemeinsam mit den Bewohnern ihren Stadtteil gestalten. Denn hier kann man wunderbar leben, kreativ arbeiten und hervorragend genießen.

Klingt fast wie eine kleine Liebeserklärung, necke ich Karl Heinz.
Mein Gegenüber steigt ebenso augenzwinkernd ein: „Du kannst das ruhig so benennen. Für mich ist Ehrenbreitstein die `Perle am Revers von Koblenz´. Die rechte Rheinseite ist meine Heimat.“
Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Heimat ist für mich allerdings kein fester Ort, sondern ein Gefühl. Und das verspüre ich eben in Ehrenbreitstein!“

Ein Blick auf den Stadtteil Ehrenbreitstein, Oktober 2020


Doch ich habe mich an diesem sonnigen Oktobernachmittag mit dem charmanten Koblenzer nicht nur getroffen, um über seinen Stadtteil zu plaudern. Auf meine Frage, was ihm an Koblenz besonders gut gefällt, gibt er mir recht schnell eine Antwort. Er mag das Potential, das die Stadt hat. Für ihn waren die Wende 1989/90 und der damit verbundene Abbau der Bundeswehr ein entscheidender Faktor. Außerdem begeistert ihn, wie weltoffen die Stadt ist bzw. die Menschen hier sind.
„Koblenz“, so Karl Heinz, „ist zu einem besonderen Drehkreuz im Herzen Europas geworden.“
Auf meine Frage, was ihm in Koblenz so gar nicht gefalle, weiß er zu meiner Verwunderung nicht wirklich eine spontane Antwort. Ich begnüge mich für den Moment. Und bin sicher, wir kommen darauf zurück.
Stattdessen tauschen wir uns zunächst aus, welche Plätze Karl Heinz einem Gast in seiner Stadt unbedingt zeigen möchte.
Dass er das Schlaraffenreich zuerst nennt, erstaunt mich dabei nicht wirklich. Doch dann entwickelt er sekundenschnell einen ausgiebigen Stadtspaziergang, beginnend am Hauptbahnhof. Von dort geht es durch die Stadt, über den Jesuitenplatz, Am Plan, zum Florinsmarkt und dann über das Deutsche Eck, den Blumenhof mit der Basilika St. Kastor zur Seilbahn.
„Die Festung ist schon ein Muss, wenn man hier in der Stadt weilt“, so Karl Heinz überzeugt.
Später geht es mit dem Schrägaufzug zurück in seinen Stadtteil, mit Abstecher in die Pallotinerkapelle und das Rhein-Museum. Daran schließt sich ein Bummel durch Ehrenbreitstein an, der in der Kunstbackstube endet.
Ein ziemlich gut gefüllter Tag in Koblenz, so finde ich.
Karl Heinz hält lachend dagegen: „Das ist doch nur ein kleiner Ausflug, der Lust auf mehr machen soll.“

Über den Dächern von Ehrenbreitstein, Oktober 2020

Hast du Wünsche an deine Stadt, frage ich spontan? Und weiß bereits mit beim Stellen meiner Frage, mein sympathisches Gegenüber wird mir auch darauf eine ausführliche Antwort geben:
„Ja, ich wünsche mir, dass die offene Kultur, sagen wir ruhig weltoffene Kultur – die ja eigentlich schon da ist – sich immer weiter entwickelt. Eine Kultur, die traditionsbehaftet, geschichtsbewusst eine enkelgerechte Zukunft baut. Dass die beiden alten Zentren, wie die Koblenzer Altstadt und der Stadtteil Ehrenbreitstein, nennen wir es mal einen breiten Spannungsbogen der Kultur, der Kunst, des Geistes entwickeln. Dass in der Stadt neue wirtschaftliche Zentren entstehen. Dass die Menschen hier zuhause sind, eine Heimat finden.“

einen Platz rheinischer Frohnatur etablieren.

Letzteres, eine gute Überleitung zu meiner nächsten Frage an Karl Heinz.
Wie sind die Menschen, die hier zuhause sind?
„Heterogen“, die Antwort kommt klar und überzeugend.
„Eine Stärke der Stadt ist die Heterogenität der Menschen, die hier leben“, führt er aus, „vor allem durch die Migration, die verschiedenen kulturellen Einflüsse wie französisch, holländisch und moselfränkisch. Alle heute übrigens noch gut erkennbar. Man muss nur mal mit wachem Auge durch die Stadt gehen.“

Ja, wach ist mein Gesprächspartner und mit einem unerschütterlichen Idealismus gesegnet. Er scheut sich nicht, Dinge zu benennen, zu diskutieren, anzupacken, zu gestalten –überzeugt, das Richtige tun zu können.

„Manchmal träume ich“, so Karl Heinz schmunzelnd, „dass es uns gelingt, hier einen festen Platz der rheinischen Frohkultur zu etablieren. Ich höre schon die Touristen durch unseren Stadtteil bummeln und sagen, ja das ist rheinische Kultur. Es geht mir nicht darum, irgendwelche Portugieserviertel oder Montparnasse zu kopieren. Im Gegenteil, hier wird ein Künstlerstadtteil mit eigenem Charakter entstehen.“
Nur träumen, denke ich? Ich bin überzeugt, das gelingt dem umtriebigen Ehrenbreitsteiner.

Karl Heinz Blick zur Uhr macht deutlich, dass wir unser Gespräch so langsam beenden müssen. Er wird in der Kunstbackstube erwartet. Dort ist seine Mitarbeit beim Umgestalten der Räumlichkeiten gefragt.
Und so stelle ich meine letzte Frage und bitte Karl Heinz mir Koblenz mit fünf Begriffen oder Sätzen zu beschreiben. Zum ersten Mal an diesem Nachmittag, denkt Karl Heinz etwas länger nach.
„Die schwierigste Frage kommt wohl zum Schluss“, scherzt er, „lass mich bitte einen Moment nachdenken. Koblenz ist für mich, die Stadt von Freunden, Kulturstadt, Stadt der Begegnung, Stadt an den Flüssen und“, kurze Pause, „ Stadt der Weltoffenheit und Kultur.“

Auf unserem gemeinsamen Weg zur Kunstbackstube ist Karl Heinz dann doch etwas eingefallen, was er in Koblenz nicht so besonders mag. Er hat mich gebeten, nicht darüber zu schreiben. Ich kann schweigen…
Danke Karl Heinz für diesen wunderbaren Nachmittag!

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Dr. med. Karl Heinz Kienle, Jg. 1950, Arzt
Lieblingsplatz: Pallotinerkapelle im Stadtteil Ehrenbreitstein

2 Kommentare

  1. Wieder super geschrieben, liebe Bettina Manuela Hambuch! Und so einen bekannten Ehrenbreitsteiner „auszuquetschen“ hat sicher auch Spaß gemacht. Eins möchte ich natürlich gerne wissen: was dem Karl-Heinz Kienle an Koblenz nicht gefällt. Aber für mich sollen Sie ihr Schweigen auch nicht brechen. Bis bald mal wieder.

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