Sebastian: Da ist noch Luft nach oben…

Sebastian, September 2017

Sebastian fühlt sich wohl in Koblenz, auch wenn die Stadt nach seinem Studium nicht unbedingt seine erste Wahl war, wie er mir gleich zu Beginn unseres Gesprächs erzählt. Die Entscheidung für seinen heutigen Arbeitgeber zog ihn letztendlich in die Stadt an Rhein und Mosel. Seit 2008 lebt und arbeitet der geborene Münchner hier und er hat es nicht bereut. Ich muss gar nicht weiter nachfragen, Sebastian beginnt spontan zu schwärmen. Koblenz hat die richtige Größe, die Mischung der Alters- wie der sozialen Struktur ist in Ordnung, es gibt gute Einkaufsmöglichkeiten und in der Stadt wie in der Umgebung lässt sich viel unternehmen. Sein Blick schweift in die Ferne. Die Mittelgebirge Hunsrück, Eifel, Westerwald, die Lage an die angrenzenden BENELUX-Staaten bieten so viele fantastische Ausflugsmöglichkeiten. Nur im Kulturbereich, da ist echt noch Luft nach oben, meint er.

…echt noch Luft nach oben.

Was fehlt dir denn, hake ich nach.
Ich vermisse Aufführungen großer Opern oder Konzerte, da fahre ich dann doch lieber nach Köln. Die Aufführungen des Theaters der Stadt sind aber gut. Ich würde sogar öfter hingehen, wenn die Sitze bequemer wären. Die neue Rhein-Mosel-Halle hingegen gefällt dem an Kultur und Architektur Interessierten eher weniger. Geschmackssache halt, schmunzelt er.

Ich bitte Sebastian, mir etwas über seinen Lieblingsplatz zu erzählen.
Der Saarplatz… beginnt er und stockt. Er hat wmir wohl meine Fragen angesehen. Nun zwinkert er mir zu und beginnt erneut. Der Saarplatz ist einer der interessantesten Plätze hier in der Stadt, jedenfalls für mich, und ich werde dir auch gleich erzählen warum. Bist du schon einmal ganz bewusst an diesem Platz gewesen? Das Genialste ist die Architektur. Ich bin immer noch etwas verwundert und hören mit großer Neugier zu. Der dreistöckige Saarplatz ist eine der größten Kreuzungen in der Stadt, zudem ein Kreisverkehr mit einer Autobrücke. Es gibt fünf Ein- wie Ausgänge aus unterschiedlichen Richtungen, aufgeteilt auf drei Ebenen, dazu Fahrrad- und Fußwege. Der Lösungsgedanke fasziniert mich, einfach alles miteinander gleichberechtigt zu verbinden, Bushaltestellen, Auto- und Radfahrer, dazu die Fußgänger und alles ohne Ampelschaltungen. Genial, nicht? 

Im Gespräch an einem ungewöhnlichem Ort, September 2017

Ja, das habe ich verstanden, schaue wohl aber immer noch etwas verwundert, denn so habe ich diesen Platz noch nie wahrgenommen. Sebastian erklärt weiter: Es gibt so viele Wege dort. Man geht als Fußgänger in den Kreisel, wählt einen Eingang ohne jedoch immer konkret zu wissen, welchen Ausgang man auf seinem Weg dann wieder nehmen muss, also wo man tatsächlich wieder rauskommt. Mittendrin gibt es dann noch eine Brücke, die über eine Verkehrsachse führt. Und gibt es sogar Kunst am Bau. Jetzt lacht er und beschließt spontan, mir seinen Lieblingsplatz mal genauer zu zeigen. Der Saarplatz befindet sich im Zentrum, unmittelbar an der Europabrücke, der Straßenbrücke, welche über die Mosel führt und die Innenstadt mit dem Stadtteil Lützel verbindet. Früher war hier der alte Bahnhof, erklärt mir Sebastian. Ich bin fasziniert, wie gut er sich in diesem Labyrinth von Wegen und Straßen auskennt. Ich gehe oft hier entlang, immer dann wenn ich zu Fuß in Koblenz unterwegs bin. 

Der viel befahrene Saarplatz im Zentrum von Koblenz, September 2017

Und das tut er oft. In seiner Freizeit genießt er ausgiebige Spaziergänge entlang an Rhein und Mosel, erkundet andere Stadtteile. Er interessiert sich für seine neue Heimat und für deren Geschichte, fotografiert gerne und engagiert sich in seiner Freizeit für die Stadt, nicht nur im Verein „Pro Konstantin e. V.“. Manchmal zweifelt der Neu-Koblenzer, ob man in dieser Stadt wirklich etwas verändern kann, aber dann bestärken ihnen seine Erfahrungen der letzten Jahre: Koblenz ist besser als sein Ruf, keine miefige Beamtenstadt, sondern bunt, kulturell, herzlich.

Sein Job und sein Engagement für die Stadt sind, so Sebastian, sehr Zeit intensiv und meine Kontakte zu Koblenzern daher eher begrenzt. Ich mag die Koblenzer. Sie sind weltoffen, tolerant und engagiert für ihre Stadt. Wir feiern gerne und so sind das Altstadtfest, das Kneipenfestival, die Open Air Konzerte auf der Festung Ehrenbreitstein oder am Deutschen Eck so echte Highlights. Allerdings ist auch da noch Luft nach oben, meint Sebastian. Er ist gespannt auf das Festungsjubiläum in diesem Jahr und wünscht der Stadt viele Besucher. Allerdings die BUGA in Koblenz sollte für ihn ein einmaliges Ereignis bleiben. Die Stadt hätte noch viele Möglichkeiten, ihre Attraktivität zu zeigen. Aber mich fragt ja keiner, scherzt er und meint es dennoch ernst. Allein die Koblenzer Altstadt und ihre vielen Lokale, faszinierendes Flair am Tage, am Abend und auch nachts.

… gar nicht so einfach, mit nur einem Lieblingsplatz.

Ich höre Sebastian gerne zu. Wenn er erzählt, strahlen seine Augen und ich spüre seine Liebe für Koblenz. Er möchte in dieser Stadt bleiben. Er ist angekommen. Einem Fremden würde er natürlich zuerst immer das Deutsche Eck zeigen, dann einen Gang durch die Altstadt unternehmen, über die Löhrstraße zurück an den Rhein kehren. Halt, sagt er plötzlich, der Kolonnenweg auf der sogenannten „Scheel Sick“, also auf der anderen Seite des Rheins, dort am Fort Asterstein wäre auch einen Ausflug wert. Der Blick von dort auf die Stadt ist einfach fantastisch. Immer dieser Entscheidungen, neckt Sebastian, gar nicht so einfach, mit nur einem Lieblingsplatz.

Ich bitte auch Sebastian seine Stadt mit nur fünf Begriffen oder fünf kurzen Sätzen zu beschreiben. Nur fünf? scherzt er wieder, überlegt dann aber einen kurzen Moment.
Koblenz ist für ihn zu aller erst historisch, auch wenn es immer nur um Preußen geht und die Zeit davor, die kurtrierische Zeit, meist außer acht gelassen wird, so der Historiker. Zudem ist Koblenz für ihn fröhlich, manchmal etwas behäbig, aber vor allem zukunftsfähig und chancenreich, gerade mit Blick auf die Stadtentwickung.

Hast du Wünsche an deine Stadt?
Ja, ein Stadtbad in der Innenstadt wäre schön.

Ich stehe mit Sebastian am Rand des Saarplatzes und blicken auf den so zentralen, verkehrsreichen Platz mitten in der Stadt, den ich ab heute sicher mit ganz anderen Augen sehen werde.

„Mein Saarplatz“, Sebastian, September 2017

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Dr. Sebastian Gleixner, Jg. 1975, Historiker und Archivar
Lieblingsplatz: Saarplatz

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