Jörn: Mein zweites Wohnzimmer am Rhein

Im Biergarten in den Rheinlagen, August 2017

Jörn und ich sitzen im Biergarten in den Koblenzer Rheinanlagen und schauen gebannt auf die immer dunkler werdenden Wolken am Himmel. Schon mehrfach mussten wir wetterbedingt unser Treffen verschieben. Und auch heute scheint es kein lauer Sommerabend zu werden. Ach, wir bleiben optimistisch, sagt Jörn und lässt sich sein Bier schmecken.

Koblenzer?, frage ich. Wer?, scherzt Jörn, Bier oder ich? Und dann erzählt er mir, dass er seit Januar 2013 in dieser Stadt lebt, aus Franken hierher zog, in Erlangen studiert hat und eher zufällig nach Koblenz gekommen ist. Berufsbedingt, sagt er, und keine so große Umstellung für mich. Ich kannte ja Koblenz schon aus der Sicht eines Touristen. Eine schöne Stadt, wenn da nur nicht die Vorliebe für schlechte Hochhäuser und Bausünden wäre.

Aber die Stadt gefällt dir?, hake ich nach. Ja, die Lage ist super, das Leben und Wohnen so direkt an den beiden Flüssen sehr angenehm. Es gibt so unterschiedliche Möglichkeiten, seine Freizeit zu gestalten. Es gibt Kultur, eine gute Kneipenzahl und natürlich diesen Biergarten, mein „zweites Wohnzimmer“. Am liebsten sitzt Jörn hier unter den großen Kastanienbäumen, genießt sein Feierabendbier und dabei den schönen Blick hinüber zum „Rheinischen Nizza“. Ausspannen vom Arbeitsalltag, das kann ich hier, sagt er, und ich mag es, dass dieser Ort eher weniger touristisch ist. Dass so einiges zu renovieren wäre, Tische und Stühle auch mal erneuert werden könnten, stört ihn weniger. Er genießt die Ruhe, ohne Public Viewing oder laute Musik, ohne hektisches Treiben. Lebensqualität, stellt Jörn fest, leider nur im Sommer. Aber im Winter freue ich mich dann schon immer auf die Eröffnung des Biergartens im nächsten Jahr. Er schmunzelt.

Entspannen, August 2017

Bier-oder Weintrinker? Meine Frage erheitert ihn und er lacht  fröhlich und wirbt für die Biere im Frankenland, die doch unschlagbar sind. Hier trinkt er lieber Maximiliansbräu als Königsbacher, selten Wein, auch wenn er jetzt an Rhein und Mosel lebt. Ich gebe mich mit der Antwort zufrieden und überzeuge ihn nicht von den guten Rhein- und Moselweinen. Vielmehr interessiert mich, was Jörn an Koblenz gerne verbessern würde. Seine Antwort kommt direkt: Die Fahrradwege und den Nahverkehr! Die Busverbindungen sind schlecht, die Preise überteuert und als Radfahrer lebst du auf den inzwischen immer voller werdenden Straßen doch recht gefährlich. Außerdem müsste dringend etwas für das Stadtbild getan werden. Also Hochhäuser abreißen, Straßen sanieren, Radwege bauen…Das wäre doch schon mal ein guter Anfang. Aber hier dauert auch alles immer länger. Man lässt die Dinge einfach laufen, man hat das ja schon immer so gemacht. Dann stutzt Jörn, Laisser-faire?

Überlegen, einen kurzen Moment. Im Gespräch mit Jörn, August 2017

Liegt das an der Mentalität der Koblenzer, bzw. wie sind die Koblenzer, möchte ich wissen. Jörn überlegt einen Moment. Ich weiß es nicht, vielleicht, sagt er ehrlich. Die Koblenzer sind offen, herzlich, viel direkter als die Franken. Man spricht einfach mal so miteinander, zum Beispiel im Supermarkt in der Kassenschlange. Gut, Kontakte ergeben sich dann doch eher erst einmal beruflich, wenn man neu in der Stadt ist. Aber viele meiner Freunde sind „echte Koblenzer“. Ich fühle mich wohl hier, bin angekommen, wenn auch nicht verwurzelt.

Auf meine nächsten Frage, ob er in Koblenz bleiben möchte, erklärt mit der sportliche Mittvierziger, dass dies vor allem von seinen beruflichen Perspektiven abhängig sein wird. Es würde ihm leid tun, die Stadt wieder zu verlassen. Die erste Zeit hier, so erzählt er mir, war ich recht erstaunt, wie groß die Stadt ist und wie vielfältig die Angebote, die ich wirklich mehr nutzen sollte. Dann die vielen Geschäfte in der Innenstadt. Ja, ich gehe hier einkaufen, nicht in den Shopping Areas auf der grünen Wiese.

Allerdings scheint ihm ein großes Einkaufszentrum in der Stadt ausreichend zu sein. Den Kulturbau und das Forum auf dem Koblenzer Zentralplatz findet er zu groß, zu überdimensioniert. Ein Wochenmarkt auf dem Zentralplatz, der auch Berufstätigen die Möglichkeit bietet, dort einzukaufen, wäre für ihn eine echte Bereicherung. Obwohl die BUGA 2011 der Stadt enormen Aufwind gegeben hat. Und, meint er plötzlich, die Koblenzer sind echt stolz auf das, was da alles entstanden ist. Das spürt man. Allerdings braucht es meist immer einen großen Schub, um etwas zu verändern. Insofern wäre die BUGA 2031 keine schlechte Idee, auch um zum Beispiel den Tourismus am Rhein wieder attraktiver zu machen. Denk nur an den Charme der 80er Jahre in den vielen Hotels und Restaurants… Er schüttelt unmerklich den Kopf.

Was würdest du einem Gast in deiner Stadt hier zeigen?, frage ich neugierig. Natürlich die Festung Ehrenbreitstein, antwortet Jörn begeistert. Wir fahren selbstverständlich mit der Seilbahn hin und zurück. Und danach gibt es eine typische Dampferfahrt auf Rhein und Mosel. Die Stadt vom Wasser aus zu sehen, ist noch einmal ein besonderes Erlebnis. Und am Abend lade ich meinen Gast in mein „zweites Wohnzimmer“ ein. Und wenn wir uns verabschieden, weiß er: Ich wohne da, wo andere Urlaub machen, in einer schönen, lebendigen, auch gemütlichen Stadt, die mehr hat als man zunächst denkt. Und jetzt strahlt Jörn und ich spüre seine Freude, hier in dieser Stadt zu leben. Dann schweigen wir und genießen die Abendstille. Ruhig ist es im Biergarten, obwohl sich die dunklen Wolken verzogen haben und die Abendsonne inzwischen die gegenüberliegenden Häuser im Rhein spiegelt. Wunderschön, fast schon ein wenig kitschig, sage ich und Jörn nickt.

Das „Rheinische Nizza“, August 2017

Bevor wir uns verabschieden, bitte ich Jörn, mir Koblenz mit fünf Begriffen oder in fünf Sätzen kurz zu beschreiben. Die schwierigste Frage zum Schluss, scherzt er Koblenz ist für mich eine Insel, gefühlt umspült vom Wasser. Koblenz ist Rheinland mit typischem Brauchtum wie Karneval, eine Stadt die immerzu mit Konstanz verwechselt wir, was wohl am Namen liegt. Koblenz ist Lebensqualität und Urlaub, vor allem wenn die Sonne scheint. Und jetzt lachen wir beide…

Reges Treiben im Biergarten in den Rheinanlagen, August 2017

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Jörn Petrick, Jg. 1974, Biergartenliebhaber
Lieblingsplatz: Biergarten am Café Rheinanlagen

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